Y

Roman, Aufbau Verlag, 2016, 255 Seiten. Hier bestellen.

Ein deutscher Game-Entwickler liebt eine kosovarische Künstlerin. Sie sind eine Generation, haben aber sonst nicht viel gemeinsam. Ach doch, einen Sohn namens Leka. Der wächst mit der Frage auf, was eigentlich weniger Geschmack hat: die Nachkriegsarchitektur Prishtinas oder das Computerspiel, das sein Vater in Berlin über den Kosovo zusammenzimmert?
Leka pendelt zwischen den Kulturen, um sich zu behaupten. Und er hat gleich dreifach Pech - nach seinen Eltern interessiert sich auch der Schriftsteller, der alles beisammen hält, weniger für persönliche Schicksale als für die Diskurse der Erwachsenen.

Links
Interview zu Y und Relevanz (Open Mike Blog)
Interview zu Y und Unfertigkeit (der freitag)

Presse

Platz 1 der SWR-Bestenliste im Juli/August 2016.

»Mit großer Dringlichkeit erzählt.«
Tilman Krause, Deutschlandfunk Büchermarkt, 16.06.2016

»Beeindruckend und auch atmosphärisch mitreißend ist »Y« […]«
Christoph Schröder, taz, 16.04.2016

»Eine eindeutige Empfehlung […]«
Bayerischer Rundfunk, 02.04.2016

Recherchen
Während meiner Reisen durch den Kosovo und in der nachträglichen Rückschau sind parallel zum Roman Y einige Recherchetexte entstanden, die für sich stehen, ebenso aber als Korrespondenzen zum Romangeschehen gelesen werden können. Die Texte sind hier nachzulesen:
BAJRAM CURRI – ein windiger Ort

Wie viel Geld in den letzten Jahren in Infrastruktur und Straßenbau geflossen ist, sagt meine Fahrerin, das sei vielleicht auch ein Ausgangspunkt. Sie haben die Oberfläche geglättet, übersetze ich, auf Kosten der Tiefe. Am Straßenrand aber wird es abschüssig, dort liegen Blumen und Grabplatten, nicht für Verkehrstote, sondern für die Helden der UCK.

Neue Straßen erschließen uns den Süden Kosovas, wir fahren verschlungen hinauf zum Pass nach Albanien, der hier Hals heißt: Qafa e Morines. Unsere Papiere lassen auf ein Dienstfahrzeug schließen, mazedonisches Nummernschild, gefertigt im Auftrag der EU-Kommission. Schon sind wir draußen, drüben. Am albanischen Straßenrand ziehen jetzt kleine dunkle Rechtecke vorbei, die Guckfenster der freigelegten Familienbunker, zehntausendfache Hinterlassenschaft der kommunistischen Paranoia unter Enver Hoxha.

Der Weg bleibt gut bis Bajram Curri. Dort scheint er zu enden. Vor dem einzigen Hotel des Ortes steht ein Mercedes mit verdunkelten Scheiben, während eine Frau sich vergeblich bemüht, mit einem Kind im Wagen und einem auf ihrem Arm die Hauptstraße entlang zu balancieren. Die Schlaglöcher sind nicht nur kratertief, sondern bis oben gefüllt mit Autowaschwasser, das den Hang hinabläuft. Auch die abgemagerten Kühe weichen den Löchern aus. Dazwischen stehen zu früh gealterte Männer, die den Dreck mit Wasserschläuchen verteilen. Auf dem Dach einer geschliffenen Werkstatt – eine ausgebrannte Autokarosse. Am Hang fehlt den Schafen das Gras, deshalb drängen auch sie auf die Straße, gesenkten Kopfes.

Der Ort trägt nicht die Fassade der Armut – er ist arm. Und doch muss ich an eine Inszenierung denken, denn das Straßenbild passt ins Bild, das sich die Welt bereits von Bajram Curri gemacht hat. Wohnen hier keine Menschen und von den Tieren nur die ausgehungerten? Zeigen diese Fenster ohne Glas noch immer einen Ort für die Lagerung allein von Wind und windigen Dingen, einen Transitraum? Bajram Curri, Hochburg des 97er-Chaos: als zunächst die albanische Bevölkerung großflächig ihr privates Vermögen an betrügerisch arbeitende Investoren verspielt hatte und in der Folge den sogenannten Lotterieaufstand gegen die Regierung lostrat. Damals setzten die Rebellen die Waffenbestände der Armee frei und trugen sie in den Norden, an den Rand der albanischen Alpen. Wo die Waffen allzeit bereit waren, nach Kosova weitergeliefert zu werden.

Die Berge stehen uns bereits vor Augen, Kamenica heißt die Höhenregion, seit der Antike besiedelt, seit Jahrhunderten abgesteckt unter den albanischen Familienclans, den Gashis, Berishas und Krasniqes. Die Berge, in denen der Kanun zu Hause ist, das alte Gewohnheitsrecht, das von Gastfreundschaft und Blutrache spricht.

Auf dieser Seite der Berge, der karstigen, ließen sich die Befreiungskämpfer der UCK vor zwanzig Jahren ausbilden. Der Ort Bajram Curri ist selbst nach einem kosovarischen Guerillakämpfer des Ersten Weltkriegs benannt. In den neunziger Jahren ist Bajram Curri der Ausgangspunkt vieler Wanderungen über die Berge gewesen. Es waren Wanderungen mit Waffengepäck.

ILAZ CEKA – ein Waffengänger

Das Dorf Dragomacë liegt am östlichen Rand des Sharr-Gebirges, nur wenige Kilometer von der mazedonischen Grenze entfernt. Hier treffen Jeton und ich auf Ilaz Ceka, der einem Nachbarn beim Hausbau hilft. Jeton übersetzt ins Englische, Ilaz spricht nur gegisches Albanisch. Seine Hände mit den langgliedrigen Fingern fallen mir auf, die Adern zeichnen sich auf dem Handrücken ab, auch auf den Unterarmen. Die Fingernägel grau von der Arbeit, ein kleines Plis auf dem Hinterkopf, die traditionelle weiße Filzkappe. Im Kosovokrieg wurde er Qorr Ilazi gerufen, und ich übersetze es mir jetzt mit knorrig, kantig, zäh. An einem anderen Ort würde ich ihn vielleicht einfach einen agilen, sportlichen Mann nennen. Er ist 51 Jahre alt. Noch im Oktober 2014 wird er seinem Krebsleiden erliegen.

Die richtige Übersetzung für Qorr Ilazi ist im Übrigen Der blinde Ilaz. Weil er noch mit verbundenen Augen die Fußwege zwischen Mazedonien und Kosova gefunden hätte. Weil er drei- bis vierhundert Mal diese Wege ging, mit anderen Menschen und Maultieren, Waffen schmuggelnd, oder er geleitete die UCK-Kommandanten über die Grenze.

Wir sitzen am Hang des Vorgebirges, im Schatten einiger Pinien. Niemand habe in Kosova den Krieg gewollt, sagt Ceka, niemand konnte darauf vorbereitet sein. Der erste von vielen Sätzen, die mir im Gedächtnis geblieben sind, lautet: „Denken heißt, nicht zu glauben.“ An die Selbstständigkeit zu denken, die Souveränität, die Freiheit, heißt nicht an die friedliche Koexistenz zu glauben. Sondern wissen oder erkennen oder doch wieder nur denken, dass dies nicht genug ist. Dass man zu stolz ist, um sich den Gang ins benachbarte Dorf plötzlich verbieten zu lassen.

Er meint nicht Denken, er meint ideologisches Denken.

Im November 1991 tritt die Verfassung der Republik Mazedonien in Kraft. Die jugoslawische Idee ist zerfallen, die jugoslawische Volksarmee, fast nur noch aus Serben bestehend, sichert die Grenze zu den Abtrünnigen. Für Ilaz Ceka ist Mazedonien eine zweite Heimat, nur 4 km entfernt, aber jetzt kann er nicht mehr hinüber. Er ist dabei, als sich nur Monate danach die Republik Kosova konstituiert, im Kulturhaus von Kacarnik, das keine zwei Stunden Fußmarsch von Dragomacë entfernt liegt. Viele derjenigen, die diese Parallelregierung ausrufen, verschwinden aber schon bald ins mitteleuropäische Exil. Mit dem Glauben, das Land passiv und aus dem Exil erlösen zu können, sagt Ceka, begann das Unheil. Denken heißt, nicht zu glauben. Alle misstrauten den Serben, fügt er hinzu, aber nur die Dorfbevölkerung blieb im Land.

„Wo du zu Hause bist, da kannst du um dein Zuhause kämpfen.“ Das klingt wie der Faustsatz des Waffengängers. Er gibt es ja zu: Blind sei er gewesen durch eine Ideologie, die stärker war als jede Angst. Denn natürlich sei es, von heute aus betrachtet, einfach verrückt gewesen, dreihundert Mal diese Fußmärsche zu machen, zwischen den serbischen Armeeverbänden hindurch und im verminten Gelände. Hier zitierte er jemanden herbei, den kosovarischen Politiker und Bürgerrechtler Adem Demaci: „Wenn du einmal akzeptiert hat, dass du ein Nichts bist, dann erträgst du alles, was geschieht, mit einer großen Ruhe und Gelassenheit.“

Ceka erzählt mir, dass er in Minenwäldern nur leichtes Schuhwerk trug, Turnschuhe auch im Winter, und wie er eine Lotschnur oder einen Zollstock vor sich her pendeln ließ, um Minendrähte vorzufühlen, sie nur leicht zu berühren, denn ab drei Kilogramm Zug auf die Drähte hebt sich der Sprengzylinder aus dem Waldboden und die Ladung zündet.

Ilaz Ceka setzt eine bittere Erinnerung in mir frei, denn ich habe mich schon einmal mit dem Phänomen beschäftigt. Im Prolog meines Romans Nachglühen steht, wie auch der Alarm an der innerdeutschen Grenze losging, sobald nur wenige Kilogramm Gewicht auf den Grenzzaun wirkten. Zum Leidwesen von Mensch und Tier: Die Schützenabwehrverlegemine DM 31, die im Kosovokrieg eingesetzt wurde, reagiert genauso schnell.

Ich bin tief beeindruckt von Cekas Erzählen. Für eine Stunde ist wieder Krieg. Vielleicht geht es ihm selbst so, dass er hineingesogen wird in die Erinnerung, und er muss wieder hinausklettern aus den Bildern, Distanz suchen, jedenfalls beendet er das Gespräch, wie er es begonnen hat – mit einem Appell an die Menschheit, für Toleranz und Nächstenliebe. Vielleicht ist Ceka auch nur zu oft von Journalisten missverstanden und fälschlich zitiert worden.

Für Y habe ich die wirklichkeitssatte Erzählung des UCK-Waffengängers in die virtuelle Welt überführt. Jakob Schütte hat ein Computerspiel designt, darin muss der Spieler einen verminten Wald durchschreiten.

MARJETICA POTRC – eine Künstlerin

Das Prishtina House ist 2007 fertig geworden. Es ist aus grellgelben Bauklötzen gefertigt, doch sind seine Dachsparren mit Aufsätzen verziert, als hätten wir ein Fachwerkhaus aus dem Spätmittelalter vor uns. Die Sperrholz-Spitzbögen der Fenster und des Eingangstors wirken orientalisch, die Säulen im Geländer stehen so eng, dass der griechische Ursprung verloren gegangen ist. Aus dem Dach ragt ein Schornstein aus billigem Weißblech und daneben eine einzelne Solarplatte, die Licht sammelt für eine Straßenlaterne, die aber aufs private Grundstück versetzt wurde.

Wo soll ich anfangen, dieses Patchwork-Haus zu erklären? Es gehört zu einer ganzen Reihe von Installationen, mit denen die slowenische Künstlerin Marjetica Potrč den Strategien des temporären Bauens weltweit auf den Grund geht. Ob in Albanien, Serbien oder in Kosova – überall zog sich der Staat nach den Balkankriegen aus der Gesellschaft zurück, es wuchs der informelle Sektor, während die sozialistischen Großwohnareale zerbrachen – und mit ihnen die sozialen Strukturen. Auch Prishtina ist nach 1999 von diesem „Turbo-Urbanismus“ heimgesucht worden – sein Ende ist bis heute nicht absehbar. In der Stadt ist zu beobachten, wie jedes Ego seine Wohnträume nach außen stülpt, ohne dabei irgendein Interesse am Gemeinwesen zu zeigen, – und ohne dass der Staat ihm Einhalt gebietet. So baut man dem Nachbarn auch eine Wand direkt vor das Fenster. Ein Sprichwort in Prishtina lautet, dass jeder Bürger sein eigener kleiner Staat sei.

Meine weibliche Hauptfigur in Y, Arjeta Neziri, kehrt im Sommer 2000 mit ihrer Familie aus Deutschland nach Kosova zurück. Sie wird Zeuge des architektonischen Umbruchs. Arjeta entwickelt sich in der Heimat zu einer starken Persönlichkeit, zu einer Aktionskünstlerin, die mit ihrer Kunst ungeschützt im öffentlichen Raum die unhaltbaren politischen Zustände des Landes thematisiert. Auf einer Vernissage hält Arjeta eine Rede, in der sie auf Marjetica Potrč verweist. Die slowenische Künstlerin ist ihre künstlerische Ahnfrau.

Weil die beschriebenen Hausinstallationen Wirklichkeit sind, weil es hüttenhaft und billig wirkende Wohneinheiten überall auf der Welt gibt, ist Potrč mit ihrer „Dringlichen Architektur“ auch global aktiv. So hat die Künstlerin zwei Caracas Houses aus Bauschutt, Sperrholz, leeren Bierkisten zu einer Wohneinheit verschmolzen, die zeigt, wie in einer nicht-städtischen Kultur aus reiner Platznot die Infrastruktur geteilt wird. „Wir suchen alle nach den gleichen Dingen – nach Schutz, Nahrung, Wasser und Schönheit“, sagt Marjetica Potrč. Und weil wir uns als Suchende ähneln, lassen sich jede Menge strukturelle Ähnlichkeiten zwischen den Bauwerken der Welt aufzeigen, auch noch zwischen Elendsquartieren und Gated Communities.

Auf den ersten Blick wirken Potrčs Arbeiten satirisch, doch die Architektur bildet nicht bloß die Mentalität von Bewohnern an ihren Orten ab, sie ist immer auch positiv aufgeladen, indem sie sich den Grundanforderungen des Lebens stellt: Potrčs Kunst spricht von der Kraft des Einzelnen, der provisorisch bauen muss, um zu überleben, aber sie spricht darüber hinaus von den Selbsterhaltungskräften der Menschheit. Das Prishtina House travestiert Wünsche und Träume, es ist antimodern, und doch rührt es an. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott, wäre die christliche Übertragung der Botschaft.

Oder anders gesagt: Wenn der Staat keinen Strom erzeugt, versorg dich selbst damit.

LUM LUMI – ein teurer Sohn

Lum Lumi ist ein Gedichtzyklus des albanischen Dichters Ali Podrimja aus dem Jahr 1981, in welchem er sich mit der unheilbaren Krankheit und dem Tod seines Sohnes Lum auseinandersetzt. Die Gedichte sind im albanischen Kulturraum sehr bekannt.

Lumi ist die Koseform des Namens Lum, und so verweist der Titel auf die Unterform der lyrischen Gattung. Lum Lumi ist eine Anrufung – oder die Abschrift davon. Der Dichter schreit, er fleht, er sucht nach Halt, er will den Sohn festhalten und zumindest die Erinnerung an ihn.

Der Übersetzer dieses Gedichtzyklus, Joachim Röhm, klärte mich auf, was sich hinter „Lum“ verbirgt. Es stellt im Albanischen den rudimentären Rest eines einstmals existierenden Verbs dar, der heute nur in bestimmten Wendungen vorkommt, etwa als Ausdruck der Freude, des Lobs, der Bewunderung oder der Befriedigung: „Lum djali!“ – „Toll, der Junge!“ „Lum nëna!“ „Teure Mutter!“ Eine andere häufige Verwendung sind Redewendungen wie „Të lumtë goja“ – „Ein Lob deinem Mund“, also „Wohl gesprochen!“. Auch lebt das halb gestorbene Verb, das den Stamm „lum“ hatte, noch in dem Adjektiv "i,e lumtur" = "glücklich" oder dem Substantiv "lumturi, -a" = Glück fort.

Die letzte Bedeutungsebene hat mich endgültig davon überzeugt, dass ich Lum Podrimja in meinem Roman wieder auferstehen lassen muss. Das Glück meiner weiblichen Hauptfigur sollte seinen Namen haben. In Y ist Lum Podrimja ein berühmter Künstler, der nach einer öffentlichen Selbstsprengung für tot erklärt wird. Erst ein Jahr später taucht der Geist, wie er fortan genannt wird, wieder auf. Es stellt sich heraus, dass er eine Puppe mit den Innereien von Kriegsopfern in die Luft gejagt hat. Lum burri. Toll, der Mann.

REXHEP LUCI – ein Stadtplaner

Im Oktober 2010 war ich zum ersten Mal im Kosovo, eingeladen zu einem internationalen Literaturfestival in Prishtina. Gleich am ersten Tag regnete es durchgängig in Strömen, und als wir am Abend aus dem Hotel auf die Straße traten, schien der Regen ein Jahrhunderthochwasser geschaffen zu haben. Das war insofern komisch, als dass durch Prishtina gar kein Fluss mehr fließt, seit die Sozialisten die Pristevka in den Siebzigern zubetoniert haben. Es war also die Kanalisation, die die Straßen überschwemmte. Um zum Veranstaltungsort zu gelangen, mussten wir über Bretter balancieren, uns durch den Autostau schlängeln. Die Verwunderung über die schlechte Kanalisation führte mich hinein in das Dilemma der gesamten Nachkriegsarchitektur. Die Prishtinali hatten ohne Amt und daher auch ohne Genehmigung ihre Häuser aufgestockt, Lücken geschlossen, sie hatten gebaut, gebaut, gebaut – aber sie hatten in traumverlorener Egomanie ganz vergessen, die Stadt zu ihrem Recht kommen zu lassen. Es gab keine durchgehenden Fußwege, keine Freiflächen, keine Spielplätze, nicht einmal Parkplätze, der öffentliche Raum war zusammengeschmolzen und fast nicht mehr erkennbar.

Rexhep Luci war die erste öffentliche Person im Kosovo, auf die ich durch meine Recherchen stieß: Er verkörperte den abgerissenen Faden einer modernen Entwicklung. Schon 1987 hatte er den wegweisenden Stadtentwicklungsplan Prishtina 2000 verantwortet. Im Jahr 2000 dann hatte er, als Leiter der Stadtplanungsabteilung für Prishtina, einen Architekturkongress anberaumt und einen Baustopp angekündigt, um alle Gebäude in der Innenstadt zu registrieren und besonders schwerwiegende Fälle illegaler Architektur wieder abzureißen. Wenige Tage, nachdem der Stadtrat begonnen hatte, Lucis Weg zu folgen, wurde der Architekt vor seiner Wohnung in Prishtina erschossen aufgefunden.

Sein Tod, heißt es, markierte im befreiten Nachkriegskosovo den Punkt, an dem die internationale Gemeinschaft die Kontrolle über die laufenden Gesetzgebungsmaßnahmen verlor. Und auch den Punkt, an dem sich viele Kosovaren bewusst wurden, dass ihnen die Teilhabe an den Demokratisierungsprozessen persönlich gefährlich werden konnte. Seitdem sind nun fünfzehn Jahre vergangen, die illegale Architektur aber wurde nicht entscheidend eingedämmt. Besa Luci, Nichte des Ermordeten, ist Chefredakteurin des Kosovo 2.0-Magazins, stellvertretend für die desillusionierte junge Generation beschreibt sie in einer der Themenausgaben auf eine schwindend geringe Menge an public space in Kosova.

Auch mit dem Dekan der Architektonischen Fakultät der Universität Prishtina, Dukadjim Hasimja, sprach ich im Sommer 2014 über Rexhep Lucis Tod und seine Folgen. Er stöhnte unter der Last der seitdem angestauten Aufgaben und verhinderten Prozesse und zeigte mir die neuesten Pläne für Prishtinas Zukunft. Jüngst ist eine Autobahn nach Tirana entstanden, sagte er. Aber die städtischen Infrastrukturprojekte, die hier benannt wurden? Genügende Strom- und Wasserleitungen, unterirdische Parkhäuser, Ringverkehr und Ortsumgehungen? Nach all meinen Spaziergängen und Recherchen wirkten die Pläne auf mich wie grafische Träume, oder eher: Traumabschriften von Traumabschriften von ... deshalb änderte sich auch nur die Jahreszahl im Titel, der neue Stadtentwicklungsplan hieß Prishtina 2012-2022+.


Das Lied vom Tun und Lassen

Roman, Rowohlt Verlag, 2011, 320 Seiten. Hier bestellen.

Ein Gegenwartsroman über Schule, Musik und Internet. Weil wir alle einen einzigen Lehrer in Erinnerung haben, den wir mochten, ja liebten. Vielleicht weil er Freizeiten anbot und Freiheit lehrte. Über den Tod einer Schülerin konnte auch er nicht hinweghelfen. Aber er bot dem idiotischen Schulgutachter Paroli, der sich an deine Mitschülerin ranmachte. Ein Lehrer war das, der noch bei einer verhauenen Abiprüfung die Ruhe bewahrte. Und dich Tagebuch schreiben ließ, das Tourtagebuch deiner fiktiven Band.

Leseprobe
© Rowohlt Verlag
Links
Interview zum Roman (Bayerisches Fernsehen)
Lesung des Autors aus dem Roman (stern.de)

Presse

Platz 1 der SWR-Bestenliste im Dezember 2011.

»Das Lied vom Tun und Lassen erzählt in einer geschmeidigen Sprache von Neuanfängen, von neuen und alten Medien und von Musik … ein glänzender Roman.«
Christoph Schröder, KulturSPIEGEL

»Ein überraschendes, vielfach schillerndes Bild der Gegenwart. Das Beeindruckende an diesem Roman ist, dass alles vieldeutig bleibt. Und das ist offenkundig der wahre Realismus von heute.«
Helmut Böttiger, DIE ZEIT

»Wohlüberlegt und zugleich behutsam erzählt, lebensklug und voller schöner Beobachtungen und Momente, man liest es gern und mit Gewinn.«
Erhard Schütz, Freitag

»Im Konzert der deutschen Gegenwartsliteratur mag man die Stimme Böttchers nicht mehr missen.«
Martin Halter, Frankfurter Allgemeine Zeitung


Nachglühen

Roman, Rowohlt Berlin, 2008. Hier bestellen.

Am Ostufer der Elbe, güldene Sonne, traumhafte Weite über dem satten Grün. Aber hier sind Gebäude abgetragen worden und Menschen verschwunden. Ehemaliges Sperrgebiet. Unter der Schönheit liegt Schuld, zwischen den Höfen Verrat. Und die junge Generation, die da heimkehrt in dieses Dorf, sind das nun eigentlich Ostdeutsche, Westdeutsche, Norddeutsche? Könnten sie einem ja mal erzählen. Oder auch nicht. Denn ihre Mentalität ist es, schweigsam zu sein, und wenn die alten Geschichten wieder hochkommen: ganz zu verstocken.

Presse

»Ein fabelhaftes Buch … Es vereint Mentalität, Topographie und Historie zu einem atmosphärisch dichten Gesamtbild. Ein stilles Meisterwerk.«
Christoph Schröder, Süddeutsche Zeitung

»Ostalgie ist over, nun kommt das genaue Erzählen vom fortwirkenden Nachleben der Geschichte: Jan Böttchers Roman Nachglühen zeigt, wie eine neue gesamtdeutsche Literatur entstehen kann.«
Alexander Cammann, taz

»Nachglühen beeindruckt durch eine subtil-realistische Psychologie, die es schafft, Mentalitätsgeschichte – das verstockt Norddeutsche – mit politischer Schuldverstrickung zu verbinden.«
Ina Hartwig, Frankfurter Rundschau


Geld oder Leben

Roman, Rowohlt Berlin, 2006. Hier bestellen.

Der Titel ist Programm: Sparkassen sind Sackgassen. Oder Vorhöllen. Aus einer bundesrepublikanischen Familie, in der Sammeln und Pfennigfuchsen unumstößliche Werte sind, hilft nur die Flucht ins Leben. Also klaut ein junger Mann einen VW-Bus – und los. Auf der Straße vor ihm liegt die Familiengeschichte, im Wald findet sich ein Erddepot, von seinem Großvater angelegt. Wieder ist Geld im Spiel. Und ein grauslicher Antikommunismus. Deutsch sein, das heißt penibel sein noch in größter Verirrung, und es ist wirklich nicht einfach, damit erwachsen zu werden. In einer globalisierten Welt.

Presse

»Ein Panorama deutsch-deutscher Zeitgeschichte, das jedoch immer der psychologisch überzeugende Entwicklungsroman bleibt.«
Richard Kämmerlings, FAZ

»Humorvoll, hintergründig und voller origineller Ideen – ein Roman wie ein VW-Bus-Trip durch die deutsche Provinz.«
Stern


Der Krepierer (Hörbuch)

Erzählung, kookbooks, 2004. Hier bestellen.

Mit schwer angeschlagener und dezimierter Crew kehrt der Kapitän zurück ans heimatliche Ufer, drei gefürchtete Gestalten erwarten ihn schon: Der alte Panzergrenadier, ein Gartenzaun­schlichter namens Fide Appelsnut und der Krepierer wollen alles über die verunglückte Seefahrt wissen. Dabei hat das Trio selbst viel Wahnsinnigeres zu erzählen.
Seemannsgarn ist, womit man Wasser ans Ufer nähen will. Das Garn des Krepierers näht den Traum an die Wirklichkeit. Ein Hörbuch, fern der See vom Autor und seinen norddeutschen Ichs eingelesen.


Lina oder: Das kalte Moor

Erzählung, kookbooks, 2003. Hier bestellen.

Eine Jugend in den achtziger Jahren, ein westdeutsches Hochhausviertel. So etwas wie ein Gegenentwurf zur Erzählung von der Generation Golf. Und doch, die Langeweile, der Stillstand. Nichts tat sich zwischen den Wohnblöcken, nichts mit der deutschen Geschichte. Kohl-Land, Wohlstand. Verhütungswahn. Anzüglichkeiten am Stammtisch. Päderasten am Spielplatz. Ein bisschen Radioaktivität. Eine kleine Vergewaltigung. Alles nicht der Rede wert. Wenn man nicht gerade sechzehn ist.

Presse

»Spröde, kalt und schön ist der Erzählton von Jan Böttcher.«
Denis Scheck, Druckfrisch, ARD

»Jan Böttcher beschreibt melancholisch, klug und in immer wieder überraschenden Bildern ein vergangenes Westdeutschland, das mitunter ähnlich märchenhaft wirkt wie die alte DDR. (…) Ein erstaunlicher Fund.«
Jana Hensel, KulturSPIEGEL

»(Böttchers) überzeugend konstruierte, an originellen und einleuchtend präzisen Formulierungen reiche Erzählung gehört übrigens zum ersten Programm des neugeborenen Kleinverlags ›Kookbooks‹, einer Schwester des ›Herr Nilsson‹-Plattenlabels ›kook‹. Diesem literarischen wie verlegerischen Debüt kann man nur den allerbesten Start wünschen.«
Richard Kämmerlings, FAZ


Ausgewählte Texte im Netz

Und warum haust du nicht ab?
Zu: Serhij Zhadans Roman »Die Erfindung des Jazz im Donbass«, 2012
www.welt.de

Klar die bessere Mannschaft
Über die Uniformität im heutigen Profifußball, 2011
www.welt.de

Die Jahreshauptversammlung
Weihnachtsgeschichte für zeit.de, 2010
www.zeit.de

Der Lille-Hammer
Ein Spielbericht. Mit den Autorenfußballern im norwegischen Gudbrandstal, 2010
www.autonama.de

Vom Wachstum der Schmerzpunkte
Zu: Per Olov Enquists Autobiographie »Ein anderes Leben«, 2009

Hier lesen.

Süddeutsche Zeitung, 09.03.2009

Vom Wachstum der Schmerzpunkte

Reale Drähte und transzendente Leitungen:
Per Olov Enquist erzählt sein Leben als Wiederauferstehung nach freiem Fall

Gründonnerstag. Die tief religiöse Mutter ist mit dem Bus zum Abendmahl gefahren, derweil den Vater und den Jungen daheim das Gewissen plagt. Sie müssen hinterher. Da sie Sportler sind, nehmen sie nicht nur die Räder, sondern auch die Zeit: zwölf Kilometer im Regen durch den Wald in 29’15 Minuten. Von der Haustür bis zur Kirche geht es ihnen nur um die Verbesserung ihres persönlichen Rekords.

Diese Szene, in der sich zwei Lebenswelten auf so wunderbare Weise missverstehen, hat Per Olov Enquist bereits vor fast dreißig Jahren beschrieben, in seinem Roman »Der Sekundant«. Dass hinter der Szene ein persönliches Erlebnis steht, erfahren wir nun in seiner Autobiographie »Ein anderes Leben« – mit einem wesentlichen Unterschied: Enquist ist damals allein durch den Wald gehastet, denn sein leiblicher Vater starb 1935, ein halbes Jahr nach der Geburt des Jungen.

Das Dorf Hjoggböle, in dem er aufwächst, liegt tausend Kilometer nördlich von Stockholm. Dort in Västerbotten liegt immerzu Schnee, und der gefrorene Urin, den man dem Eimer ausschlägt, sieht aus wie ein gelber Kuchen. Enquist folgt der Mutter ins Bethaus, doch holt er sich heimlich Rat bei der Stimme des verlorenen Vaters. Oft sitzt er still da, ein Einzelkind, das die Landkarten des Dorfes abpaust und die wirkliche Welt um das ergänzt, was es gerne sehen möchte.

Knapp siebzig Jahre später hat dieses ruhige Kind ein Œuvre geschaffen, aus dem eine ausgeprägte Rastlosigkeit spricht: Von der Arbeiterbewegung über den Zweiten Weltkrieg bis in die Feinheiten des Wohlfahrtsstaates hat Per Olov Enquist sein Heimatland belletristisch, dramatisch und essayistisch beackert. Und er hat Kreise zu den skandinavischen Nachbarn geschlagen: Ob die religiöse Pfingstbewegung oder die Kopenhagener Aufklärung, ob Andersen, Hamsun oder Strindberg als Monolithen der Literatur, ob Niels Bohr, der Palme-Mord oder der skandalöse Sportbetrug eines einheimischen Hammerwerfers – was Enquist dem Norden Europas an Gedanken gewidmet hat, sucht seinesgleichen. Auch hierzulande kennt der Leser ihn als unermüdlich produzierenden Romancier, der sich in den Arzt Struensee oder in Marie Curie, in manch »anderes Leben« einschrieb. Um es vorwegzunehmen: Archiv, Recherchearbeit und die vielen historischen Figuren, die Enquist erschlossen hat, sind aus der Autobiographie verbannt. Hier erzählt einer von seinen eigenen Abgründen.

»Ein anderes Leben« ist als Triptychon angelegt: Der längere Hauptteil, der zwischen die zwei schmalen Textflügel der Kindheit und des Alters eingepasst ist, führt Enquist bald nach Stockholm. Er lernt die Stadt nach dem Studium als ein leeres Zentrum kennen, in das mit ihm eine ganze Provinzgeneration einströmt. Stockholm wird für Jahrzehnte sein Lebensmittelpunkt bleiben, ein Synonym für Enquists langfristiges Projekt, die skandinavische Seele auszuleuchten. Umrankt wird diese Niederlassung im Buch von zwei geradezu gegensätzlichen Bewegungen: Zunächst ist »Ein anderes Leben« eine Reise vorwärts – vom nördlichen Schweden führt sie den Autor chronologisch über Stockholm ins pochende Herz Mitteleuropas, nach Berlin, Prag und Paris, um in Kopenhagen ihr vorübergehendes Ende zu nehmen.

Enquists frühe Erfolge und die Politisierung seiner Generation zwingen dieser Reise ein hohes Tempo auf. In Westberlin tritt er 1970 zu einem Stipendium als bekennender Sozialdemokrat an – und ist sofort Außenseiter. Die kompromisslose Sprachschärfe der Linksintellektuellen setzt Enquist zu, so schreibt er, und als er für die schwedische Zeitschrift Expressen zur Münchner Olympiade 1972 fährt und das Massaker an der israelischen Mannschaft erlebt, bekommt sein Weltbild Risse. Der Guerillakrieg ist in Europa angekommen.

Wir haben es dieser Beschleunigung zu danken, dass Enquist vom heimatlosen Schreibtisch aus eine zweite Reise antritt – eine Reise, die ihn rückwärts führen wird, in seine Herkunft hinein. Weitab von der politischen Welt des Aufruhrs liegt dort ein eigensinniger Bilderkosmos verborgen – und Enquists literarischer Ton. Der Nordschwede beginnt, eine stille Gegenwelt zu erschreiben, in der die Menschen allein sind mit den Fragen ihrer Existenz. Sie fühlen sich als Henker, Opfer oder Verräter. Sie kämpfen um Vergebung, gegen den Hass, mit der Liebe. Näher als jedes menschliche Gegenüber stehen ihnen die vorbeihuschenden Tiere, deren Blick sie zu deuten versuchen. Einmal sieht der Erzähler den Möwen zu, die vor seinem Fenster gegen den Sturm kämpfen und immerzu zurückgetrieben werden. Eine weitere Variation auf das Credo unserer Vergeblichkeit, welches in Enquists mittlerem Romankorpus seit dem »Auszug der Musikanten« (1978) stetig wiederkehrt: »›Man kann Liebe nicht erklären‹, schrie sie. Aber wenn man es nicht versuchte, wo ständen wir dann?«, heißt es in »Gestürzter Engel« (1985). Für Enquist sind diese »Schmerzpunkte«, an denen der menschliche Geist versagt, immer Schreibanlass geblieben. Sie fließen auch in den Hauptteil der Autobiographie ein. Der Leser spürt die ungeheuren Kräfte, die seit Enzensbergers so benanntem Essay »Poesie und Politik« auseinander reißen wollen. Unter dem Druck des Berliner Aufruhrs, hat Enquist auch zum ersten Mal jene »Himmelsharfe« angestimmt, das Kindheitsbild des Autors. Die Himmelsharfe, das waren die Telefondrähte, die aus dem Weltraum kamen und am grünen Wohnhaus befestigt waren, um zu singen, wenn sie es in den kältesten Nächten als Resonanzraum nutzten. Reale Drähte, die doch transzendente Leitungen sind: Sie verbinden den verlorenen Sohn mit seiner einsam zurückgelassenen Mutter, wie sie die Mutter mit Gott verbinden.

Was für eine Flucht in die Literatur! Es scheint so, als fände die ständige Bilderflut, der sich der Schwede als Reporter aussetzt, in der sternklaren Romansprache ihr Gegengewicht. Internationaler Ruhm geben Enquist Recht, der Weg ist ein Höhenflug, mit dem Theaterstück »Die Nacht der Tribaden« schafft er es 1975 sogar an den Broadway. Und weil Autobiographien immer auch Entwicklungsromane sind, beginnen wir uns langsam vor einer Erfolgsgeschichte zu fürchten, die durch Alter und höhere Reifegrade womöglich nur noch veredelt wird. Gerade recht kommt deshalb die Frage: »Wenn alles so gut ging, wie konnte es dann so schlecht werden?«

Der dritte und letzte Teil dieses Menschen-Bildes heißt »Im Dunkel«, und weil ein Triptychon ein starkes Motiv braucht, das die gesamte Bildfläche überspannt, schlägt nun derjenige zu, vor dem die Eltern bereits den kleinen Jungen einst am eindrücklichsten warnten: Teufel Alkohol. Die späten achtziger Jahre werden zum Versuch eines Suchtkranken, dieses Leben loszuwerden und »Ein anderes Leben« zu beginnen. Die Schmerzpunkte, an die Per Olov Enquist in seinen Büchern so oft gerührt hat, wachsen sich in seinem eigenen Leben zu einer Schmerzfläche aus.

Was autobiographisches Schreiben vermag und welche schriftstellerische Größe Enquist hat, führt uns dieser dritte Teil eindrücklich vor. Wir brauchen keinem Torkelnden durch die nächtlichen Bars von Kopenhagen und Paris zu folgen – Hauptspielplätze sind weiterhin die Wohnungen des Autors –, doch gewinnt der Text gerade aus Rückzug, Krankheitseinsicht und der Ruhe, mit der sich jemand der Sucht hingibt, eine zunehmende Atemlosigkeit.

Wer lebend auf sein Leben zurückblickt, kommt nicht umhin, eine schmerzhafte Ferne zum eigenen Ich wahrzunehmen. Diese Kluft ist nicht zu kitten, doch verstehen man jetzt, warum Enquist sein Buch in der dritten Person verfasst hat. Nicht nur kann das Pronomen den Autor nachträglich schützen vor dieser Figur, die merkte, dass sie fiel, und die nichts dagegen unternommen hat. Auch gibt sich der Autor, und das ist nicht absurd, selbst ein Stück Lebenswürde zurück, indem er den Kranken beschreibt.

Im voyeuristischen Spiel, das zwischen Nähe und Distanz changiert, hat sich Enquists Sprache schon immer am besten entfaltet. Wie kein anderer Konstrukteur versteht er sich dabei auf die Scharniere, jene kurzen Satzblitze, welche die Energie vorangegangener Betrachtungen bündeln und sich doch dem nächsten Gedankenkreis bereits wieder öffnen. Einmal sagt der Autor über sich, er habe vielleicht das absolute Gehör für die Prosa. So klingt es, seit vielen Büchern schon und hier wieder, auch in Wolfgang Butts deutscher Übersetzung.

Einer, der nicht »ich« zu sich sagen will, verzichtet nicht nur auf Identifikation. Er vermeidet auch jede selbstironisierende Geste. Wie Wolfgang Hilbig im Krisenroman »Das Provisorium« rechnet Enquist schonungslos ab, wie Hilbig weiß er, dass Stolz gerade dort entsteht, wo jemand immer und immer wieder nur auf der Stelle tritt. Wer ehrlich über die Sucht schreiben will, hat Verhaltensmuster zu wiederholen.

Also wird ein Kopenhagener Rentner, mit dem Enquist tagsüber trinkt, zu seiner letzten Muse. Und damit die Tragödie überhaupt noch weitere Darsteller hat, werden französischer Wein und dänisches Elefantenbier kurzerhand zu »Gefängniswärtern« ernannt. Überhaupt breiten sich die Gefängnismetaphern aus, denn nun sind beide eingangs beschriebenen Bewegungen gekappt. Es geht weder vor noch zurück, sowohl die paneuropäische Lebensreise als auch jene (Flucht)-Wege, die sich der Autor in Romanen, Dramen, Essays und Kritiken erschrieben hat, sind ihm verstellt. Man kann das ganz aristotelisch lesen: Dem Erwachen der Kindheit und der Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten folgt die Katharsis. Wir folgen einem, der in Schweden wie auf Island aus den Entzugskliniken wegläuft, weil er zu spüren meint, dass sein altes Leben rückstandslos vernichtet werden soll.

Es ist Februar 1990, als der Wahn ein Ende hat. Enquist hat wieder einen Computer vor sich. Er beginnt sein anderes Leben, vergräbt sich tiefer als je zuvor in die eigene Kindheit – und kehrt schließlich mit dem Roman »Kapitän Nemos Bibliothek« zurück in die Weltliteratur.

Per Olov Enquist: Ein anderes Leben. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Hanser Verlag, München 2009. 544 Seiten, 24,90 Euro.