Helsinki

Im Oktober 2013 war ich vom Goethe-Institut Finnland eingeladen, als Stadtschreiber Helsinki literarisch zu erkunden.
Hier zwei Texte aus dem Helsinki-Blog.
Mehr unter: blog.goethe.de/finnland


Juha Jussila

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Juha Jussila hat die Angewohnheit, zwischen zwei Busstationen der Linie 88 auf ausnahmslos jedem Teilstück den Halteknopf zu drücken, ohne danach den Bus zu verlassen. Er fährt die Linie immer in voller Länge, besteigt den Bus an der Metrostation Herttoniemi und verlässt ihn erst an der Endstation in Kaitalahti, wo der Bus im Kreis wendet. Es sei denn, natürlich, er fährt den Weg andersherum.

Nahm man den gesamten Wochenfahrplan, so arbeiteten auf der Linie 88 insgesamt fünf Busfahrer. Von ihnen war es nur Timo Lahtinen geglückt, den permanenten Halteknopfdrücker bei seiner Tat zu erwischen und zu mahnen. Jussila habe damals geantwortet, es sei wider seine Natur, einer Haltestelle nicht das Recht des Haltes zukommen zu lassen, selbst wenn sie unbesetzt sei oder niemand aussteigen wolle.

Zwanzig Monate sind seitdem vergangen, und die Worte des Kollegen Lahtinen sind in den Köpfen der vier anderen Busfahrer längst von einer Anekdote zu einer Angeberei mutiert. Schließlich glaubt niemand mehr daran, dass Juha Jussila einmal einen Fehler begangen haben könnte. Jussila drückt den Halteknopf beständig, aber er würde die Tat nie in einem Moment begehen, da der Fahrer die Gelegenheit hat, ihn durch den Spiegel dabei zu beobachten.

Leider ist der letzte Satz gelogen, und gerade das macht die Geschichte überhaupt erzählenswert. Juha Jussila drückt den Knopf ja durchaus in Momenten, da der Fahrer die Gelegenheit hat, ihn durch den Spiegel dabei zu beobachten. Immerzu besteht diese Chance. Doch hat Jussila ein außergewöhnliches Talent darin entwickelt, zu drücken, wenn kein Mensch damit rechnet, und so können noch nicht einmal jene langjährigen Fahrgäste, die als Spitzel geworben und beauftragt worden sind, den Mann zu überführen, dem Jussila seine Tat nachweisen.

Der Bus aber hält. Die Busfahrer sind nach Vorschrift verpflichtet zu halten. Niemand steigt ein, niemand steigt aus. Die Linie 88 setzt ihren Weg fort, als sei nichts passiert.


Bahnhöfe, Zeitspeicher

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Helsinki Hauptbahnhof. Ein Mann steigt aus einem Zug, einen Koffer in der Hand. Seine Armbanduhr ist stehengeblieben. Es ist vier Uhr nachts, die Turmuhr zeigt es an. Er schläft auf einer Parkbank ein. Aber der Zug hat ihn zur Hölle gefahren. Noch im Schlaf wird der Mann schwer zusammengeschlagen. Er stirbt auf der Bahnhofstoilette, oder nein, er stirbt erst im Krankenhaus. So beginnt Aki Kaurismäkis Film „Der Mann ohne Vergangenheit“.

London Liverpool Street. Ein Mann folgt einer Reinigungskraft über das halbe Bahnhofsgelände und steht plötzlich vor einer Tür, durch die er bereits als Junge gegangen ist. Ladies Waiting Room. Hier hat er Asyl gefunden. Hier hat er seine Heimat, seine Sprache und auch seinen Namen eingebüßt, eingetauscht. Der Blick des Mannes führt in die Tiefe. Ihm ist, als gäbe es angesichts dieses Raumes gar keine Zeit, sondern nur hintereinander und ineinander verschachtelte Räume, eine unendliche Folge von Räumen. Wir sind auf dem Weg in die Erinnerung – und in der Schlüsselszene von W.G. Sebalds Roman „Austerlitz“.

Auf die britische Insel entkam Austerlitz vierjährig in einem der Kindertransporte aus Prag. Er ist in Wales bei Pflegeeltern aufgewachsen, Kunsthistoriker geworden und hat seine Identität Jahrzehnte lang aktiv geschützt, indem er sich hinter architektonischen Studien verbarrikadierte: „Für mich war die Welt mit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts zu Ende“, heißt es, und: „Der Gedanke an meine wahre Herkunft ist mir ja nie gekommen.“ Als Austerlitz endlich erkennt, welcher Verfolgung er entwichen ist und was seiner Mutter unter den Deutschen geschah, bricht er zusammen.

Kaurismäkis Mann findet nicht zurück in die Erinnerung. Er heißt jetzt M und kommt von irgendwoher aus dem finnischen Norden. Aber das Wichtigste ist ja, dass der Mann lebt. Er ist nicht auf der Bahnhofstoilette gestorben, er stirbt auch nicht im Krankenhaus. Und er steht sogar zweimal wieder auf. Im Krankenbett zuerst, dann liegt er am Ufer der Gestrandeten, dort, wo jemand hingehört, der von vorne anfangen muss. Das Kino kann alles. Es kann so tun, als sei der Mann gar nicht mit dem Zug angekommen, sondern über Bord eines Schiffes gegangen. Aber es kann den Mann am Ende auch noch einmal in den Zug nach Helsinki setzen, damit wir eine zweite Art der Ankunft erleben.

Jetzt kenne ich beide Bahnhöfe. Die Kunstwerke kannte ich schon. Der Roman ist 2001 veröffentlicht worden, der Film nur wenig später. Natürlich sind sie seelenverwandt. Sie sind zwei Hälften eines Mondes. Wobei es keine dunkle und keine helle Mondseite gibt. Auf beiden Seiten weiß man, dass Erinnerung quälend sein kann. Bei Sebald gehört die Erinnerung zum Leben, mal beschwören wir sie herauf, mal fällt sie über uns her. Auf Kaurismäkis Seite heißt es, wir brauchen eigentlich keine Erinnerung. Was wir dringender brauchen, ist Mitgefühl, eine heiße Suppe und Musik.

Es ist ein Mond, auf dem sich in meiner Vorstellung gut leben lässt.
Man müsste nur den Zug nehmen.
Pendeln.


Lied aus 10 Jahren erster Zeilen

Im Mai 2013 feierte der Verlag kookbooks im Theaterdiscounter Berlin sein 10-jähriges Bestehen. Der Text des Liedes, das ich für den Abend schrieb, besteht ausschließlich aus den ersten Zeilen der Bücher des Verlages, und demnach von Rinck, Marquardt, Schulz, Popp, Jackson, Wolf, Maset, Böttcher, Schloyer, Jansen, Winkler, Gumz, Falb, Harvey, Traxler, Chadwick, Klein, Hefter, Hawkey, Seel.

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Lied aus 10 Jahren erster Zeilen