26. Juli 2015

Trauer und Abenteuer

Das im Juli 2015 erschienene Buch ist das letzte Projekt, an dem Sascha Weidner arbeitete. Ich habe ihn nur wenige Wochen erlebt, aber es sind wunderbar heitere, wache, planerische Eindrücke geblieben. Die Gespräche von einer Ungezwungenheit, von der ich dachte, die muss doch erst langsam entstehen. Aber sie war sofort da. Am 11. Juli eine volle Marktkirche in Hannover zur Präsentation, ein leerer Platz neben mir. Rufus Beck las Abenteuertexte der Weltliteratur. Wie unpassend passend alles wurde. Du warst unterwegs, lieber Sascha, und wurdest vermisst.

»Des Sascha Weidners und des Jan Böttchers einzig wahre Erlebnisse zu Wasser und zu Land, zu Pferd und zu Fuß, im Krieg und im Frieden, in der Luft so wie in den niedersächsischen Ländern und Bremen in diesem Jahr ganz neu verfasst und fotografiert von ihnen selbst.«
(300 Seiten, ISBN 978-3-00-049834-3).
Mein Dank geht an die Niedersächsische Sparkassenstiftung, den Grafiker Ole Truderung und das Aachener Lektorat der Sprachhandlung.

Das Buch ist nicht im Handel erhältlich.
Kleine Buchbestände gibt es aber hier:
- Sprengel Museum Hannover
- C/O Berlin
- Museum für Photographie Braunschweig
- Marta Hoepffner-Gesellschaft für Fotografie im Stadtmuseum Hofheim

Das Buch ist eine doppelte Abenteuerexpedition durch Niedersachsen, in Bild und Wort. Einige Texte aus dem Band möchte ich hier präsentieren.

Zapfenschnipsen

Niedersächsische Sportart, bei der ein Kiefernzapfen mit nacktem Unterfuß (und ohne Zuhilfenahme der Hände) angehoben und bewegt wird. Jeder Spieler wählt vor der Begegnung einen Zapfen aus der freien Natur, der auch später nicht getauscht werden darf! In Waldgebieten empfiehlt es sich, die Zapfen farblich zu markieren.
Sind die Vorbereitungen getroffen, wird ein örtliches Ziel festgelegt. Der Zapfen wird nun in die Mulde zwischen innerem und mittlerem Keilbein eingeklemmt, wobei sich der Fuß vollständig krümmt. Der große und der zweite Zeh bilden ein Höhlendach. Hat der Spieler das Gefühl, sich den Zapfen sicher gekrallt zu haben, hebt er den Fuß und schleudert („schnipst“) das Sportgerät mit kraftvoller Beinbewegung in die Zielrichtung.

Anfänger sollten ihre Bahnen zunächst mit weitflächigen Zielen beenden (wie etwa der geöffneten oberen Hälfte einer Großen Dielentür zum Bauern- haus), fortgeschrittene Zapfenschnipser nutzen – analog zum Golf – kleine Ziellöcher oder Erdmulden. Erfolg und Koordination hängen vom Schnips- talent ebenso ab wie von der Beschaffenheit des Sportgerätes, d.h., der trockene, weit geöffnete Kiefernzapfen fliegt weitaus schlechter als sein geschlossener Bruder aus dem feuchten Waldgebiet.

Verdichtungsschäden durch schweres Gerät

Im Herbst 1980, als die Weidezäune noch allesamt aus Holz waren, fand im südöstlichen Niedersachsen die NATO-Gefechtsübung Spearpoint statt, bei der vor allem britische, aber auch amerikanische und bundes- deutsche Panzerverbände in einer Stärke von über 100.000 Soldaten querfeldein durch Börde und Bünte wilderten.

Bauer Claus Feddersen aus Nettlingen war nur einer von vielen geschädigten Nutznießern. Zunächst musste er mitansehen, wie Truppen aus dem Osten (von Salzgitter her) am Abend des 17. September in sein Zuckerrübengelände einbrachen. Man kampierte am Rande eines Grabens, der mit einer Stahlkonstruktion überbrückt wurde. Am darauffolgenden Morgen zog über diese Brücke eine ganze britische Einheit in die offene Panzerschlacht.

Für Feddersen kein so schlechtes Geschäft: Nach der NATO kam der landwirtschaftliche Gutachter. Der Bauer konnte Ausgleichszahlungen für exakt achtzig Panzerspuren geltend machen – deren Kettenschrift hatte sich tief in den Lössboden gedrückt. Feddersens Söhne erinnerten sich an das Manöver als das allergrößte Erlebnis ihrer Jugend, aber die Spur- schäden der Panzer, so der Senior im Gespräch, seien im Grunde erst in den Jahren 1990/91 ganz verschwunden gewesen.

Über das Verschwinden (Ein Märchen)

An den nördlichen Hängen des Harzes erzählt man sich noch heute folgendes Märchen:

Es waren einmal ein Müller und seine Frau, die sorgten sich um ihren einzigen Sohn. Wenn auch sein Körper gedieh, so mochte er doch nicht recht verstehen, was ihm das Leben an Aufgaben stellte. Er saß nur immer im Kiesbett und betrachtete die Steine, ohne sie zu zählen, und ging er einmal der Mutter zur Seite, so verließ ihn bald die Lust an der Arbeit, er hing ihr am Rockzipfel und fiel von dort zurück in den Kies. Der Vater aber, kam er von der Mühle nach Hause, stöhnte über den einfältigen Sohn, dessen Hände er nur allzu gut an den Mühlrädern hätte gebrauchen können.

Als der Junge fünfzehn war und noch immer keine Hilfe, nahmen ihn die Eltern nach der Weihnacht einmal mit in die tief verschneiten Wälder des Harzes und führten ihn eben dorthin, wo es die riesigen Tannen und Fichten gab, welche die größten Schneemassen auf sich luden. „Nun zeig einmal zum Spaße, dass du ein Mann werden willst, und tritt mit deinem Fuß“, sprach der Vater, „gegen den Stamm jener Tanne, auf dass uns der Schnee in den Nacken fällt.“ Auf solcherlei Schabernack war der Jüngling gut zu sprechen, doch sein Tritt an den Baum war so schwach, dass nur eine einzige Flocke zu Boden segelte. „Was? Das soll uns necken? So tritt doch fester“, gemahnte der Vater. Da versuchte es der Junge noch einmal und immerhin rieselte eine Tüte voll Schnee auf ihre Schultern. „Schon besser“, lächelte der Vater, und die Frau sagte zum Müller: „Ach, lass es gut sein, du siehst doch, der Junge hat Schmerzen.“ Tatsächlich hüpfte der Junge auf einem Bein, weil ihm der Fuß vom Tritte weh war. Der Vater aber wollte seinen Sohn auf die Probe stellen. „Auf, auf, ein drittes Mal. Und fester, damit der Schnee herabkommt!“

Da trat der Jüngling mit seiner ganzen Kraft gegen den Baumstamm und hüpfte sogleich vor Schmerz zur Seite, den Fuß in den Händen. Was hatte er getan! So schwer und viel und lange fuhr die Schneewolke vom Tannenbaum herab, dass sie sich auftürmte zum Hügel und seine Eltern bis über den Kopf bedeckte. Weder die Mutter noch der Vater waren noch zu sehen, sie antworteten auch nicht auf seine Rufe, und selbst als der Jüngling mit den bloßen Händen nach ihnen schaufelte, blieben die Eltern verschwunden.

Nun hatte er sich aber bei seinem Tritt den Fuß gebrochen und humpelte ganz bange hinein in den winterlichen Wald. Bald dunkelte es, niemand ging noch spazieren. Er schleppte sich dahin, immerfort mussten die Bäume ihn stützen, bis ihm endlich einfiel, einen Ast zur Krücke zu nehmen. Am Rande seiner Erschöpfung stand eine leere Hütte, nur eine Krähe flog auf, als er eintrat. Ein wenig trockenes Holz lehnte am Kamin. Ach je, dachte der Junge, ich bin noch immer zu dumm gewesen, ein Holz in Brand zu bringen, das hat ja sonst immer der Vater gemacht. Doch in der Not schlug er die Flintsteine so hart, bis Funken in den Holzspan fuhren und das Feuer glühte. So schlief er denn am großen Feuer ein. Als er erwachte, war es schon wieder hell. Die Krähe war fort, vor der Hütte sang die Amsel, es blühten die Wiesen, die Hänge des Harzes standen in voller Pracht. Der Junge schien gar nicht erstaunt darüber, zu lange hatte er geschlafen. Er fühlte, dass ihm ein Bart unter dem Kinn gewachsen war. Hingegen war alles, was er erlebt hatte, ihm aus den Gedanken gelöscht. Er dachte weder an den Fuß, der ihn geschmerzt, noch an den Schnee, der sich gerade noch meterhoch aufgetürmt hatte, und welches sein Heimweg war, er wusste es nicht zu sagen.

Einem Bachlauf folgte er ins Tal, wo er bald an einer Tischlerei Arbeit fand. Das Märchen ist noch lang, ich muss es straffen: Sechs Jahre blieb der Jüngling nun Gehilfe, dann gab man ihm den Gesellenbrief, mit dem er sich weiter bewarb, und schließlich ward er, noch einmal sechs Jahre danach, zum Tischlermeister ausgerufen. Er lernte zu verstehen, was seine Hände taten, und konnte sie lenken, das zu tun, woran er dachte. Alles Ungeschick seiner Jugend war von ihm abgefallen, und er lebte nun mit einer schönen Frau verehelicht am Rande des Gebirges, wo er ein eigenes Heim gebaut hatte, in dem sich auch seine Werkstatt befand. Die beiden waren glücklich, sie sprachen viel, sie hatten Interessen. Hätte sie ihn nur in den gemeinsamen Abendstunden nicht nach seiner Vergangenheit gefragt. Dieselben Arme, die tagsüber durch die Tischlerei wirbelten – vor diesen Fragen verschränkte er sie nur. Der Mann wusste nicht, woher er kam, und weil die Frau aufblickte und ihm lachend vorwarf, das sei unmöglich, jeder habe doch ein Elternhaus, so wurde er jedes Jahr schroffer und schweigsamer gegen sie.

Dies geschah nun in der Zeit, wo die Nachbarinnen schwanger gingen, und es brachte nur noch mehr Unglück über den Tischlermeister und seine Frau, dass sie die Kleinen schreien und spielen hörten, aber selbst keine Kinder hatten. Da klopfte eines Winterabends ein alter Müllersmann an ihre Tür, der suchte Obdach, um am nächsten Morgen in die Stadt zu gehen. Die Frau hatte ihm aufgemacht, und als der Tischlermeister hin- zukam, da blieb sein Blick trüb und stumpf. Der alte Mann aber erkannte wohl, wen er da vor sich hatte. Oh, der mochte wohl immer noch der dumme Junge sein, der ihm einst verloren gegangen war. Doch trug sein Bub eine Schürze und war mit Holzmehl bestäubt. Auch war zu erfahren, dass hier ein Tischlermeister lebte, der sich ein ganzes Haus gebaut und lauter fabelhaft geschnitzte Möbel hineingestellt hatte. Da verdrückte der alte Müller heimlich eine glückliche Träne, schwieg aber still und gab eine Bestellung auf, um den Sohn an sein Gutshaus zu lotsen. Er möge ihm ein schönes Eichenbett zimmern, aus dem er mit seinem gebrechlichen Rücken gut aussteigen könne.

Der Tischler baute das Bett, so wie ihm aufgetragen, und wollte es seinem nächtlichen Gast nur wenige Tage darauf mit dem Wagen bringen. Auf dem Weg begann es heftig zu schneien, und so traf er erst spät gegen Abend auf dem Hof ein. Der Alte gab ihm ein Abendbrot und hieß ihn übernachten, indem er den Tischler die Treppe hinauf in ein dunkles Zimmer führte. Da bedankte sich der Jüngere und wollte sich ausstrecken, aber das Bett war zu kurz, seine Füße stießen an. Und als er die Kerze anzündete, fiel das Licht mit dem Schatten der Dinge auf Tapeten und kindliche Pinseleien. Neben der Kerze stand ein großes Schneekugelglas auf dem Nachttisch, das der Tischler zur Hand nahm, es zu schütteln. Da spiegelten sich plötzlich in der Schneekugel die jungen Gesichter seines Vaters und seiner Mutter, und es fielen die Erinnerungen von der Decke seines Kinderzimmers und senkten sich auf sein Haupt, dass er sein verschüttetes Leben erkannte. Einen schwarzen Vogel sah er in die hohe Zimmerecke fliegen.

„Sag mir, Krähe, wovor bin ich geflohen?“
„Davor, dass du nicht genügtest.“
„Sie haben mich immer geliebt.“
„Davor, dass du dir nicht genügtest.“
„Aber wie konnte ich sie dann vergessen?“
„Das ist meine Strafe gewesen.“

Da lief der Tischler die Treppe hinab, wo die beiden Alten noch am Feuer saßen, und sie fielen sich nach all den Jahren glücklich in die Arme. Der junge Mann gab sein Haus mitsamt Tischlerei auf und übernahm dafür die Mühle. Und wie er zu den Eltern gezogen war, da gebar ihm seine Frau, die ihm gern in allem folgte, zwei tüchtige Söhne und eine tüchtige Tochter. Und sie hatten sich alle lieb und kümmerten sich umeinander.

Soweit die Osteroder Version, die zuerst 1867 niedergeschrieben wurde von einem durchziehenden Novizen, der bei Ordinarius Niehaus zudem durch gutes Orgelspiel auffiel und auf den Namen Heisterbach hörte, weil er wohl aus jenem Dörfchen am Rhein herstammte. Kaum zehn Kilometer östlich von Osterode, in St. Andreasberg, erzählten sich die Menschen zum gleichen Zeitpunkt einen anderen Schluss, der allerdings erst 1879 verschriftlicht werden sollte. Demnach habe der Tischlermeister sehr wohl sein Kinderzimmer wiedererkannt, nicht aber seine Eltern erkennen wollen, denn er sei „geblendet durch sein selbständiges Arbeiten und Tun und von der Unmöglichkeit, sie zu kennen, schon restlos überzeugt gewesen“. Da aber das Zimmer die Nähe wachrief – auch hier gilt die Schneekugel als Symbol seiner Initiation –, habe er sich aus der schlimmen Zerrissenheit nur befreien können, indem er eilig in den Hof lief und lauthals sich verleugnete: „Nun muss ich zurück in die Werkstatt, die Arbeit wartet auf mich.“ Der arge Schluss mag begründen, warum die Osteroder Version bekannter wurde. Er, der Tischler, der nicht bereit gewesen war, zu den Eltern zurückzukehren, um sie zu pflegen, verunglückte noch „auf dem Rückweg, der kein Heimweg mehr sein durfte“. Mit seinem Wagen kam er vom Wege ab und starb im Graben.

Die Wiedergänger

Dunkelt es, so geht der Ludwig übers Land und sagt sehr merkwürdige Sachen, erzählen sich die Leute. In der Hand trägt er einen Eimer Wasser, um das Licht des Mondes, das ihm zuwider ist, auszugießen. Oberhalb der Stadt trifft er den Bienendieb, der den Bienenkorb auf dem Kopf trägt. Sie gehen dann immer zur Eiche, um die Nachgeburt ihres gemeinsamen Pferdes aufzuhängen. Dort an der Eiche hat man sie reden hören. Tauglich ist die Nacht, hat der Ludwig gesagt, um die Zukunft zu erforschen, namentlich Gesichte zu sehen. Und der Bienenkorb sei in die Knie gegangen, um den Sand zu zählen. Von dort hat er aufgeschaut, dem Ludwig ins funkelnde Auge, und geantwortet: Das Christentum ist im Aberglauben von weitreichender Bedeutung.

Ist der Sand für diese Nacht gezählt, gehen die beiden ins Wirtshaus. Dort setzen sie sich an die Theke, obschon der Nachtigal sie an seinen Tisch fuchteln will, aber der Nachtigal will nur immer dozieren, das hält man nicht aus. Na also. Es blökt. Hätten sie sich lieber dazugesetzt, denn jetzt doziert der Nachtigal noch lauter. Was er sagen will über die Sagen, namentlich die Hünen- und Zwergsagen, ist, dass womöglich vor dem 11. Jahrhundert eine Nation hier gelebt habe, die der anderen an Größe und Körperstärke überlegen war, und dass dann die größere allmählich die kleinere unterjochte und sie zwang, sich in Höhlen und unzugänglichen Felsklüften zu verstecken. Oder eben auszuwandern dorthin, wo sie nicht so auffielen, die Kleinen. Hört ihr mich, ruft der Nachtigal, und man hört ihn natürlich ganz deutlich, aber die unangenehme Rede macht es den anderen noch schwerer, sich nach ihm umzudrehen.

Also trinken der Ludwig Strackerjan und der Bienendieb ihr dunkles Hefe- weizen. Und gegen den Hinterkopf schlägt ihnen das völkische Radio, mit dem sie aufgewachsen sind. Innerhalb der Nation gebe es die Klassen, ruft der Nachtigal. Die Klasse der Unterdrücker, die, durch Jagd und Raub gepflegt und gestärkt, sich zu einer auszeichnenden Größe erhöben, und die der Unterdrückten, welche zu lebenswierigen harten Arbeiten gezwungen würden, bei dürftiger Pflege und Kost, und die sich aus dieser Sklaverei erst nach mehreren Revolutionen befreiten.

Ludwig kippt einen Korn. Der Weizen ist nicht eher sicher, als dass er im Magen liegt, sagt er. Dann stehen sie auf, Ludwig zahlt mit seinem Eimer Wasser, der Bienendieb wirft eine Handvoll Sand hinein. Der Wirt nickt ihnen hinterher, während er Gläser spült und trocknet.

Und wieder ist eine Nacht durchgangen, sagt man.


25. März 2015

Freude

Denn am 27. März 2015 erscheint nun das Buch »So This Is Permanence« im Rowohlt Verlag, das eine gesammelte Übersicht zu Ian Curtis gibt, dem Frontmann von Joy Division. Zwei Vorworte von Deborah Curtis und Jon Savage, handschriftliche Prosa- und Songnotizen des Texters, Abbildungen von JD-Covern und aus Curtis’ Bibliothek. Und nicht zuletzt als Herzstück die Songtexte selbst. Ich habe sie aus dem Englischen übersetzt.


Drei der Übersetzungen will ich hier nacheinander präsentieren:

Day of the Lords (1979)

Die Antikriegshymne »Day of the Lords« vom ersten der beiden JD-Longplayer, »Unknown Pleasures«. Sowohl die erste als auch die letzte Strophe beginnen mit »This is the room, the start of it all« – aber mir war, als müsse die Wahrnehmung schärfer und aus dem unbestimmten Raum ein Zimmer werden. Die Gewalt jedenfalls: immer schon anwesend.

Tag der Herren

Das ist der Raum, wo alles anfängt
Keine Bilder, alle Wände nur mit Laken verhängt
Ich hab die Nächte voller Hatz und Schmerz gesehn
Die Körper überstehn, die Körper überstehn

Wo führt das hin? Wo hört das auf?
Wo führt das hin? Wo hört das auf?

Da, deine Freunde, schon als Kinder auserkorn
Ihr habt euch angespornt und Treue geschworn
Entzug tut weh, viele rafft er dahin
So entstellt und dünn, entstellt und dünn

Wo führt das hin? Wo hört das auf?
Wo führt das hin? Wo hört das auf?

Das ist das Auto am Straßenrand,
Alles wie unberührt, die Fenster sind zu
Du hast wohl Recht mit deinem zornigen Satz:
Für die Schwachen gibt es hier keinen Platz

Wo führt das hin? Wo hört das auf?
Wo führt das hin? Wo hört das auf?

Das ist das Zimmer, in dem alles begann
Kindheit und Jugend, ich erinnere mich daran
Ich hab die Nächte voller Hatz und Schmerz gesehn
Die Körper überstehn, die Körper überstehn

Wo führt das hin? Wo hört das auf?
Wo führt das hin? Wo hört das auf?

Love Will Tear Us Apart (1980)

Der Joy-Division-Hit »Love Will Tear Us Apart« ist ein Mythos geworden, die Interpreten haben ihn als trauriges Liebeslied auf Curtis’ Freundin, auf seine Liebe zu Band und Musik, ja sogar als endgültiges Statement zum Ende der Punkära begreifen wollen. Der sperrig-unschöne Beginn (»When routine bites hard«) muss »ätzend« widerhallen. Die Strophenzeilen sind bei Curtis irgendwas zwischen fünf- und siebensilbig, die Monotonie seiner Gesangslinie kann jede Länge beherrschen. Um so wichtiger erscheinen aber dadurch die jeweils drei Schlussassonanzen pro Strophe, unreine Reime, mit denen er dem Kummer auch Klanglichkeit entgegensetzt.

Die Liebe reißt uns auseinander

Wenn der Alltag ätzt
und es schwindet das Ziel
Wenn Verbitterung wächst,
aber nicht das Gefühl
Wir verändern uns, jeder geht seinen Weg

Dann reißt die Liebe uns auseinander
Die Liebe reißt uns auseinander

Das Schlafzimmer ist kalt
Du hast dich weggedreht
Hab ich etwas verpasst?
Der Respekt, er vergeht
trotz der Anziehungskraft, die noch immer besteht

Doch Liebe reißt uns auseinander
Die Liebe reißt uns auseinander

Du schreist auf im Schlaf
Meine Fehler, ganz nackt
Ein Geschmack auf der Zunge,
als Verzweiflung mich packt:
Dass etwas so gut ist und doch nicht mehr klappt

Doch Liebe reißt uns auseinander
Die Liebe reißt uns auseinander
Die Liebe reißt uns auseinander
Die Liebe reißt uns auseinander

The Eternal (1980)

Der Gitarrist der Band, Bernard Sumner, schrieb: »›The Eternal‹ ist ein Song über ein mongoloides Kind, das ganz in der Nähe von Ian Curtis aufwuchs. Er verließ nie das Grundstück, sein Universum reichte von der Häuserwand bis zur Gartenmauer. Viele Jahre später kam Ian nach Macclesfield zurück und sah zufällig dieses Kind: Er selbst war nicht mehr fünf, sondern zu einem zweiundzwanzig Jahre alten Mann gewachsen – das Kind aber hatte sich überhaupt nicht verändert. Noch immer pendelte es allein zwischen Haus und Garten.« Auch an das alte Kind Benji in Faulkners »The Sound and the Fury« fühlt sich der Hörer und Leser erinnert.

Der Ewige

Die Prozession zieht ab, die Schreie verklingen
Gepriesen die Nächsten, die nicht mehr sind
Es wird laut geredet, man sitzt an den Tischen
Verstreut sind die Blumen, vom Regen zerdrückt.
Stand unten am Tor, am Eingang zum Garten
Sah sie vorbeiziehn wie Wolken im Wind
Ich hielt es nicht aus, ich wollte nur weinen,
und verbrannte von innen an meiner Wut.

Wie ein Kind weinen, auch wenn die Jahre mich zeichnen
Mit Kindern verbringe und verschwende ich Zeit
So schön ihre Gemeinschaft auch ist, sie bedrückt mich
wie ein schlechtes Geschäft, ich trag sie wie einen Fluch.
Spielte unten am Tor, am Eingang zum Garten
Mein Blick dehnt sich aus zwischen Mauer und Zaun
Kein Wort reicht hin, keine Handlung ergibt sich.
Es bleibt nur, die fallenden Blätter zu schaun.


6. März 2015

Wismar, Welterbehaus

»Ich bin eine Dufour und Leroy, ein Pariser Kind aus dem weltberühmten Hause für Wandpapiere und Panoramen. Für meine Geburt wurden über 2000 Druckstöcke geschnitten und 87 Farben angemischt.«

Das Hörspiel, das ich im Sommer 2014 für den Tapetensaal des Wismarer Welt-Erbe-Hauses geschrieben habe, ist vor Ort in der Dauerausstellung zu hören – und nun auch online. Die Tapete kommt darin in Tagebuchauszügen selbst zu Wort und erzählt die abenteuerliche Geschichte von ihrer Geburt in Paris (1828) bis zur heutigen Wiedergeburt nach Diebstahl, Verwahrung und Restaurierung.

Dargestellt ist auf dem Tapetenzyklus übrigens die Geschichte von Telemach auf der Insel Calypso. Das ausgewählte Bild zeigt das brennende Schiff des Telemach: Calypso hat es aus Eifersucht gebrandschatzt, und Telemach kann nur von der Insel flüchten, indem er sich mit seinem Mentor vom Felsen in die Tiefe stürzt.


28. Oktober 2014

Twisted Tales – Road to Hope

Eine Laudatio auf den finnischen Fotografen Markus Henttonen
gehalten am 6. Oktober 2014 in Leipzig

© Markus Henttonen, www.markushenttonen.com

1
Thunderstorm (Detroit)
Unter dem Flutlicht ist der Regen wie eine Gardine gewesen, auch wegen des Windes. Vater hätte mich sofort runtergeholt von der Straße. Vater hätte mich abholen müssen. Unter den Flutlichtmasten hab ich auf ihn gewartet, als die anderen ihre Fahrräder wie Leichen in die Kofferräume hoben. Aber alle wurden abgeholt und das Flutlicht ging aus. Im strömenden Regen trainiert, im strömenden Regen gewartet, jetzt auf der Straße im Sturm. Was wollen die Mächte noch an mir ausprobieren? Der Umhang schlackert, blubbert dumpf, knallt hell auf, als könnte er Licht spenden, mein Regenumhang im Sturm, auf einer Körperstange. Ich bin eine Vogelscheuche. Ich hätte über die Felder gehen sollen, hintenrum. Vater würde mich sofort runterholen von dieser Straße. Aber hinten ist Debbie durchgedreht beim letzten Sturm, eine der Kühe von Karges, und sie haben die Spannung erhöht. Je schlechter das Wetter, desto höher die Spannung auf den Zäunen. Ich habe noch nie eine Kuh so brüllen hören. Hintenrum müsste ich über mindestens zehn Zäune, und das in diesem Umhang. Mit dieser Tasche auf dem Rücken, klatschnasser vollgesogener Sack, und die Riemen schneiden in die Schultern. Der Himmel schwimmt in der Straße, nicht erst weit entfernt, sondern direkt vor mir. Alles grau. Die Welt ist eine graue Suppe, mein Gesicht zerteilt den Sturm. Atmen, atmen, fluchen, als gäbe es Häuser und Zuhörer. Gibt es nicht. Ich bin eine graue Vogelscheuche, die kaum vom Fleck kommt gegen den Sturm, wirklich, ist, als hätt ich was geraucht, so wenig komm ich vorwärts. Die Telefonmasten, ich zähle die Querstangen auf den Masten, manche haben vier, aber dann wird ein Signal von der Straße weggeführt und es bleiben nur noch drei oder zwei. Ein Mast sieht aus wie eine riesige Kinderrassel, und dann kommt ein chinesisches Schriftzeichen und als nächstes ein Galgen. Es gibt eben keine Garantie, das hat mein Vater gesagt, manchmal kann er wegen der Arbeit nicht kommen, aber ich hab ihm versprochen, ich warte, bis alle weg sind, ich lass mich nicht mitnehmen, weil ich mich nicht absetzen lasse, verstehst du das, mein Sohn, nicht hier, die wollen dich immer nach Hause bringen, verstehst du das: Du gehst alleine. Vater würde mich sofort runterholen von dieser Straße. Und das sollte er mal sehen, wie meine Muskeln brennen, jetzt wende ich alle Kraft an, um überhaupt draufzubleiben auf der Straße. Wie der Sturm durch den Mund reinfährt. Stopft mich aus, der Wind. Stopft mir die Sprache. Ist das? Tornado oder was? Fliegen. Nein, Angst vor dem Fliegen. Aber mein Umhang knattert und knallt.

2
Das ist noch keine Geschichte. Aber etwas, womit ein Junge von A nach B kommt.
Markus Henttonens Bild aus dem Auge des Orkans hat mich in die Einsamkeit der Jugend geführt, in ein Verlassensein, das auch einen sichtbaren Weg noch zu einer ausweglosen Situation machte. Das ist ein mögliches Eingangstor zur Fotoreihe Twisted Tales – Road to Hope, die Henttonen im Leipziger Haus des Buches bis zum 5. November 2014 ausstellt. Mag sein, ich fühlte mich vom Fotografen geradezu aufgefordert, literarisch zu beginnen. Denn wenn er seine Ausstellung Twisted Tales nennt, ist das natürlich – gerade in Zeiten der Buchmesse, die in diesem Jahr von den Finnen beherrscht wird – ein sprechender Titel: Hier will uns jemand im Standbild Geschichten erzählen. Will er uns dann nicht auch den eigenen Zugang zum Geschichtenerzählen erleichtern?

Tales sind twisted, Geschichten gehen verschlungene Wege. Ich habe bei Henttonens Bildern wirklich das Gefühl, Kunstformen wie Fotografie und Literatur ergründen mit verschiedenen Mitteln die gleichen verschlungenen Wege – die Maulwurfsgänge unserer Existenz. Für mich als Romanschriftsteller gilt: Damit der vor dem Leser entstehende Plot in verschiedene Richtungen denkbar und dehnbar bleibt, ist das höchste Gut immer die Offenheit oder auch Widersprüchlichkeit der Figuren. Vielleicht spielt sich ein sehr ähnliches Denken beim Fotografieren von Gesichtern ab, denn ich stehe vor Henttonens Porträts, versuche die Gesichtszüge zu ordnen und merke, dass die Linien verschlungen sind, dass sie einander verschlingen. Er schafft da einen starken Mann, der aber keine Entschlossenheit zeigt, dessen bisherigem Leben sogar eine große Müdigkeit innewohnen darf. Er schafft ein zartes trauerndes erschrockenes Mädchengesicht, das seine großen Augen auf keinen Fall vor der heillosen Wirklichkeit verschließen will.

Schrecken und Neugier in einem Gesicht. Robert Walser hat einmal hellsichtig geschrieben: „Nun, und dies beides, Stolz und Trauer, ergibt immer einen guten Klang.“ Womöglich besteht Figurenkunst immer darin, mindestens zwei Dinge zusammenzuführen, aber nicht Schwarz und Weiß, nicht Glück und Unglück, sondern zwei Dinge, die vorher niemand als Antipoden gesehen hat. Wir wissen nicht, was in welchem Moment des Lebens die Oberhand behalten wird. Die Geschichte wird es weisen.

3
Markus Henttonen ist 1976 in Lahti geboren, hat die Kunsthochschule in Turku 2002 abgeschlossen. Seitdem arbeitet er sowohl für sich als auch für Magazin- und Werbekunden. Die Übergänge zwischen Kunst und beauftragter Kunst sind so fließend, wie sie es sein sollten, und wie man es naturgemäß nur bei starken künstlerischen Persönlichkeiten bemerkt, die eine Bildsprache gefunden haben und sie überall einsetzen können. Henttonen ist Stadtmensch, Betonmensch, er liebt das Skateboarden, seit er ein Kind ist, und er hat den städtischen Raum zuerst für seine Fotografie entdeckt (ein langer Aufenthalt in Barcelona war wegweisend.) Mittlerweile hat er in ganz Europa ausgestellt, aber viel in den Vereinigten Staaten gelebt und fotografiert, ich will hier sein letztes Großprojekt erwähnen, Silent Night, das in vielen renommierten Fotomagazinen abgebildet wurde. Es zeigt festlich beleuchtete Stadtrandhäuser von Los Angeles zur Heiligen Nacht. Eine Dokumentation, die von starken Kontrasten lebt, zwischen den Schwüngen der Palmenvegetation und den heroisierten Häusern im Frost: Manche ragen wie eisweiße Lichtfürsten aus dem Nachtschwarz. Magischer Urbanismus, hat ein Kritiker über Henttonens Werk geschrieben. Der Urbanismus steht nicht im Mittelpunkt des aktuellen Projektes. Die Magie schon.

Henttonen hat für Twisted Tales bewusst eine sehr hetegorene Auswahl getroffen, schon auf formaler Ebene: verschiedene Kameras, Bildgrößen, Linsen, Schärfegrade, Farbigkeiten, Lichtstimmungen. Aber auch die Motive selbst könnten zunächst kaum zufälliger wirken. Gestelltes und Ungestelltes, Porträts und Akte, Landschaften bei Tag und Abend und Nacht, Tier und Pflanze.

„Sehe ich eine Location“, hat Markus Henttonen einmal im Interview gesagt, „so denke ich daran, welche Geschichte hier passiert sein könnte oder noch geschehen wird. Vielleicht ist das im fertigen Bild dann zu sehen.“

So stellt die Ausstellung gerade in ihrem Verlauf mit jedem Bild neu die Frage, wo eine Geschichte denn beginnt und wie sie sich erzählen lässt. Wenn der Fotograf eine Poolwächterin bei der Arbeit zeigt und dabei seinen Beobachterstandpunkt (im Wellnessbereich hinter einer Topfpflanze) deutlicher verrät als nötig, offenbart er sich dann auch? Und ist der Fotograf denn etwa weniger anwesend, wenn er sein Versteck nicht zeigt? Zeigt er sich nicht ebenso, wo er offensiv die Bilddiagonale ausstellt, wo er klassische Komposition durchblicken lässt? So einfach ist es also nicht. Einmal fotografiert Henttonen einfach Baumkronen aus dem fahrenden Auto, er setzt also Bewegung ins Bild, aber keine Menschen, keine Lebenslinie, keine Zeit. Ist das denn möglich, denke ich, das temporeichste Bild stellt am am wenigsten Prozessualität aus? Es bleibt Momentaufnahme. Während andersherum die vermeintlichen Ruhepunkte der Ausstellung sehr viel Bewegung speichern und abgeben können: Wohin werden sie ausbrechen, die erstarrten Rehe im Gehölz, die den Fotografen womöglich nur deshalb ansehen, weil er ihren einzigen Fluchtweg verstellt?

Bilder lassen uns innehalten und treiben uns weiter. Vergangenheit und Zukunft staut sich in manchen Fotografien, die Zeit sammelt sich im Betrachter, um dann wieder abzulaufen wie in einem Kanal. Damit kann ich was anfangen. So sagt man doch hierzulande gerne, wenn man vor Kunst steht. Ich meine das ganz wörtlich, lieber Markus Henttonen: Damit kann ich persönlich wirklich viel anfangen. Das Bild ist erst der Anfang. Und sehen heißt immer beides: Die Fremde zuzulassen, sie bestehen zu lassen in der Tiefe ihres Augenblickes. Und dann aber auch: Mit dieser Fremde anfangen, rumzuspinnen. Sich selbst ins Bild zu setzen, projizieren, imaginieren.

Mein Text zu Beginn sollte aber doch ein Statement sein. Wenn es ein übergeordnetes Thema in den Twisted Tales gibt, dann ist es die Vereinzelung. Ich bin kein Experte für finnische Melancholie, will es auch nicht sein. Aber ich sehe die Vereinzelten und das Vereinzelte in Szene gesetzt. Wo Henttonen (ein einziges Mal nur) mehrere Personen zeigt, sind es lauter Badende in der Totalen, die gebührenden Abstand voneinander halten. Aber das ist nicht schlimm, sagt mir das Foto. Wenn der Abstand zum Anderen wächst, erhöht sich auch die Verantwortung für das eigene Leben. Wolfgang Tillmans, von dem ich las, dass Markus Henttonen ihn auch sehr schätzt, hat einmal in Richtung Betrachter gesagt, er „habe immer das Anliegen, mit seiner Sehweise andere Leute zu ermutigen, ihren Augen zu trauen und die Wahrheit oder das Leben zu ertragen. Man sollte selber in der Lage sein zu entscheiden, was hässlich und was schön ist, was akzeptabel ist und was nicht.“

Ich glaube, dass diese Ermutigung auch von Markus Henttonens Ausstellung ausgeht. Im Ausstellungstitel nennt sie sich die Straße zur Hoffnung. Die da auf den Fotos. Wir hier vor den Fotos. Stolz und Trauer. Schrecken und Neugier. Vereint vielleicht in dem Augenblick, wo wir erkennen, dass wir Vereinzelte sein müssen, um erweckt und gestört zu werden vom Leben. Das darf ruhig ein wenig buddhistisch klingen, aber die Schönheit des Lebens ist nur zu haben, wo Ruhe und Störung einander durchdringen.

Das sehe oder spüre ich in den Bildern. Und dann wollte ich noch einmal erzählen von den Telefonmasten, ich zähle die Querstangen auf den Masten, manche haben vier, aber dann wird ein Signal von der Straße weggeführt und es bleiben nur noch drei oder zwei. Ein Mast sieht aus wie Galgen, und dann kommt ein chinesisches Schriftzeichen und als nächstes eine riesige Kinderrassel. Der große Sturm ist über mich hinweggefegt. Immer noch starker Wind. Ich bin bald zuhause.


Dezember 2013

Helsinki

Im Oktober 2013 war ich vom Goethe-Institut Finnland eingeladen, als Stadtschreiber Helsinki literarisch zu erkunden.
Hier zwei Texte aus dem Helsinki-Blog.
Mehr unter: blog.goethe.de/finnland


Juha Jussila

blog.goethe.de/finnland/…/Juha-Jussila.html

Juha Jussila hat die Angewohnheit, zwischen zwei Busstationen der Linie 88 auf ausnahmslos jedem Teilstück den Halteknopf zu drücken, ohne danach den Bus zu verlassen. Er fährt die Linie immer in voller Länge, besteigt den Bus an der Metrostation Herttoniemi und verlässt ihn erst an der Endstation in Kaitalahti, wo der Bus im Kreis wendet. Es sei denn, natürlich, er fährt den Weg andersherum.

Nahm man den gesamten Wochenfahrplan, so arbeiteten auf der Linie 88 insgesamt fünf Busfahrer. Von ihnen war es nur Timo Lahtinen geglückt, den permanenten Halteknopfdrücker bei seiner Tat zu erwischen und zu mahnen. Jussila habe damals geantwortet, es sei wider seine Natur, einer Haltestelle nicht das Recht des Haltes zukommen zu lassen, selbst wenn sie unbesetzt sei oder niemand aussteigen wolle.

Zwanzig Monate sind seitdem vergangen, und die Worte des Kollegen Lahtinen sind in den Köpfen der vier anderen Busfahrer längst von einer Anekdote zu einer Angeberei mutiert. Schließlich glaubt niemand mehr daran, dass Juha Jussila einmal einen Fehler begangen haben könnte. Jussila drückt den Halteknopf beständig, aber er würde die Tat nie in einem Moment begehen, da der Fahrer die Gelegenheit hat, ihn durch den Spiegel dabei zu beobachten.

Leider ist der letzte Satz gelogen, und gerade das macht die Geschichte überhaupt erzählenswert. Juha Jussila drückt den Knopf ja durchaus in Momenten, da der Fahrer die Gelegenheit hat, ihn durch den Spiegel dabei zu beobachten. Immerzu besteht diese Chance. Doch hat Jussila ein außergewöhnliches Talent darin entwickelt, zu drücken, wenn kein Mensch damit rechnet, und so können noch nicht einmal jene langjährigen Fahrgäste, die als Spitzel geworben und beauftragt worden sind, den Mann zu überführen, dem Jussila seine Tat nachweisen.

Der Bus aber hält. Die Busfahrer sind nach Vorschrift verpflichtet zu halten. Niemand steigt ein, niemand steigt aus. Die Linie 88 setzt ihren Weg fort, als sei nichts passiert.


Bahnhöfe, Zeitspeicher

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Helsinki Hauptbahnhof. Ein Mann steigt aus einem Zug, einen Koffer in der Hand. Seine Armbanduhr ist stehengeblieben. Es ist vier Uhr nachts, die Turmuhr zeigt es an. Er schläft auf einer Parkbank ein. Aber der Zug hat ihn zur Hölle gefahren. Noch im Schlaf wird der Mann schwer zusammengeschlagen. Er stirbt auf der Bahnhofstoilette, oder nein, er stirbt erst im Krankenhaus. So beginnt Aki Kaurismäkis Film „Der Mann ohne Vergangenheit“.

London Liverpool Street. Ein Mann folgt einer Reinigungskraft über das halbe Bahnhofsgelände und steht plötzlich vor einer Tür, durch die er bereits als Junge gegangen ist. Ladies Waiting Room. Hier hat er Asyl gefunden. Hier hat er seine Heimat, seine Sprache und auch seinen Namen eingebüßt, eingetauscht. Der Blick des Mannes führt in die Tiefe. Ihm ist, als gäbe es angesichts dieses Raumes gar keine Zeit, sondern nur hintereinander und ineinander verschachtelte Räume, eine unendliche Folge von Räumen. Wir sind auf dem Weg in die Erinnerung – und in der Schlüsselszene von W.G. Sebalds Roman „Austerlitz“.

Auf die britische Insel entkam Austerlitz vierjährig in einem der Kindertransporte aus Prag. Er ist in Wales bei Pflegeeltern aufgewachsen, Kunsthistoriker geworden und hat seine Identität Jahrzehnte lang aktiv geschützt, indem er sich hinter architektonischen Studien verbarrikadierte: „Für mich war die Welt mit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts zu Ende“, heißt es, und: „Der Gedanke an meine wahre Herkunft ist mir ja nie gekommen.“ Als Austerlitz endlich erkennt, welcher Verfolgung er entwichen ist und was seiner Mutter unter den Deutschen geschah, bricht er zusammen.

Kaurismäkis Mann findet nicht zurück in die Erinnerung. Er heißt jetzt M und kommt von irgendwoher aus dem finnischen Norden. Aber das Wichtigste ist ja, dass der Mann lebt. Er ist nicht auf der Bahnhofstoilette gestorben, er stirbt auch nicht im Krankenhaus. Und er steht sogar zweimal wieder auf. Im Krankenbett zuerst, dann liegt er am Ufer der Gestrandeten, dort, wo jemand hingehört, der von vorne anfangen muss. Das Kino kann alles. Es kann so tun, als sei der Mann gar nicht mit dem Zug angekommen, sondern über Bord eines Schiffes gegangen. Aber es kann den Mann am Ende auch noch einmal in den Zug nach Helsinki setzen, damit wir eine zweite Art der Ankunft erleben.

Jetzt kenne ich beide Bahnhöfe. Die Kunstwerke kannte ich schon. Der Roman ist 2001 veröffentlicht worden, der Film nur wenig später. Natürlich sind sie seelenverwandt. Sie sind zwei Hälften eines Mondes. Wobei es keine dunkle und keine helle Mondseite gibt. Auf beiden Seiten weiß man, dass Erinnerung quälend sein kann. Bei Sebald gehört die Erinnerung zum Leben, mal beschwören wir sie herauf, mal fällt sie über uns her. Auf Kaurismäkis Seite heißt es, wir brauchen eigentlich keine Erinnerung. Was wir dringender brauchen, ist Mitgefühl, eine heiße Suppe und Musik.

Es ist ein Mond, auf dem sich in meiner Vorstellung gut leben lässt.
Man müsste nur den Zug nehmen.
Pendeln.


Juni 2013

Lied aus 10 Jahren erster Zeilen

Im Mai 2013 feierte der Verlag kookbooks im Theaterdiscounter Berlin sein 10-jähriges Bestehen. Der Text des Liedes, das ich für den Abend schrieb, besteht ausschließlich aus den ersten Zeilen der Bücher des Verlages, und demnach von Rinck, Marquardt, Schulz, Popp, Jackson, Wolf, Maset, Böttcher, Schloyer, Jansen, Winkler, Gumz, Falb, Harvey, Traxler, Chadwick, Klein, Hefter, Hawkey, Seel.

Hier anhören:

Lied aus 10 Jahren erster Zeilen